(Blues-) Frauen an die Macht

The Blues Broads – The Blues Broads (VÖ: 18.09.2012 )

Ich konnte mich noch nie der Magie von „Oh happy day“ entziehen. Ja, und ich gestehe: ich liebe Gospel-Musik, wenn sie ehrlich ist. Aus der Gospel-Musik entstand alles, was danach kam: Blues, R&B, Soul usw. Und die größten Sänger und Sängerinnen des Universums haben ihren Anfang in einem Gospel-Chor.
Gleich vier solcher „Blues-Weiber“, wie sie sich selbstironisch nennen, haben sich nun zu einer Band zusammengetan: Dorothy Morrison (Mitglied der „The Edwin Hawkins Singers“ und Mitautorin von „Oh happy day“), Tracy Nelson (Gründerin der Band „Mother Earth“), Angela Strehli (treibende Kraft der Gruppe und des legendären Clubs „Rancho Nicasio“) und Annie Sampson (Mitglied der „Hair“-Company und der Band „Stoneground“).

Vier Vollblut-Musikerinnen also mit mächtig viel Erfahrung im Gepäck. Und dieses Live-Konzert wird dadurch zu einem gelungenem Picknick von Freundinnen: Jede legt auf die Decke, was sie Leckeres vorbereitet hat. Und das Schöne dabei: Wir sind alle eingeladen!
Die vier Sängerinnen verstehen es auf das Beste, jeder ihren Platz zu lassen. In der Abwechslung der jeweiligen Haupt-Stimme liegt der ganz besondere Reiz dieser Collaboration. Glücklicherweise unterscheiden sich die Stimmen hörbar in ihrer Ausrichtung, jedoch nie in ihrer jeweiligen Qualität. Dieses vokale Farbenspiel (wie im übrigen auch in ihren Hautfarben – ich sage nur BLACK & WHITE, UNITE UNITE!) verdichtet sich Song für Song zu einem wunderbaren Bild einer musikalischen Blues&Gospel-Landschaft mit leichten Musical-Pigmenten. Da gelingt sogar eine Neuinterpretation des Soulgassenhauers „River Deep“ so gut, dass man nicht unweigerlich den Vergleich mit Tina Turner anstellt. „Two Bit Texas Town“ erklärt uns, wo die musikalischen Wurzeln liegen und wird zur Hommage an die Blues-Legenden wie Lightning Hopkins, Muddy Waters oder Jimmy Reed. Und immer wieder kommt das große Gospel-Gefühl auf. Bei „It won’t be long“ möchte man sofort seine Arme in die Höhe werfen und bis zur Besinnungslosigkeit mittanzen. Zum Glück bremst mich „Walk away“ ein wenig ab und läßt mich glücklich in den Schoß des Blues fallen, berauscht von dem tollen Gesang. Dieser Zustand dient jedoch nur als kurze Verschnaufpause, um beim fulminanten Ende aus „Jesus, I’ll never forget“ (acapella!) und, ja, da ist es endlich, „Oh happy day“ beseelt auf den Replay-Knopf zu drücken!

Der Freund ehrlicher Gospel-Musik (mit einem gehörigen Schuß Blues) bekommt hier wirklich Meisterklasse geboten. Vier Frauen, die großes geleistet haben und zu viert nochmal so richtig eins ‘draufsetzen. Die Show ist ein Kirchgang der erfreulichen Art, angefüllt mit Freude, Tolleranz und Liebe: „Put your hands together, let´s go to the church“ fordert uns Dorothy am Ende auf und ich will ihr gerne folgen! Ja, ich habe das Licht gesehen!

 

Alexander Möckl