Der Blues “nur” im Hinterkopf…

71 Chain – You’re gonna miss me when I’m gone (VÖ: 24.22.1011)

71 Chain – Hier ist eine Band, die keiner kennt.  Klar, laut ihrem eigenen Internet-Auftritt schon eine angesagte Nummer in ihrem sozialen Umfeld in Southampton. Auch das restliche Europa will schon erobert sein. So zumindest der Wunsch der Jungs von Englands Südküste. Ihre Vorbilder mögen zwar dem amerikanischen Rock anhängen, aber für mich spricht ihre Musik eindeutig die Sprache Britanniens. Und je öfter ich diese Platte höre, um so mehr drängen sich mir Vergleiche mit den Strawbs auf. Das klingt zwar zunächst absurd, aber der Kampf der Band zwischen melodiösem Rock und starkem Folk-Appeal erinnert mich an den ewigen musikalischen Streit zwischen Cousins und Wakeman.

Und, ich sage es gleich, ohne diesen Spannungsbogen, der einen doch immer wieder zum Weiterhören zwingt, könnte man diese Platte glatt ohne großes Verlustgefühl vergessen.
Somit retten sich die nicht mehr ganz jungen Herren von Song zu Song, huldigen ihren jeweiligen Helden und, ja, hinterlassen ein leises Gefühl von 70er-Retro-Charme. Lange Intros und schön ausgespielte Outros unterstützen dieses Gefühl enorm, kleine Einsprengsel hier und da veredeln den Ablauf. Wirklich gelungen ist die geschmackvolle Verwendung diversester Instrumente. Jedem Song das Seine. Mal krachen die E-Gitarren, dann dürfen die akustischen Instrumente das Heft fest in die Hand nehmen.

Der Sänger hat eine typische 70er Rock-Röhre, was ja heute nicht mehr oft zu hören ist. Manchmal erinnert sie wirklich ein wenig an Rory Gallagher. Dabei, und da bin ich wieder bei den Strawbs, legt er seine Gesangslinien gekonnt über den Band-Sound und klinkt sich immer punktgenau zum Mit-Sing-Refrain wieder ein. Seine Band-Kollegen beherrschen ihr Genre und wissen um den Begriff „Dynamik“.
Auch wenn es der Album-Titel suggerieren will, mit Blues hat diese Musik nur ganz entfernt zu tun. Klar, hier und da blitzt mal eine bluesige Passage auf, aber das ist wohl einfach der Tatsache geschuldet, dass bei fast allen guten Rock-Platten der Blues im Hinterkopf eine Rolle spielt („the love of a woman“).

Fazit: Langjährige Rockmusik-Hörer werden wohl gleich zu den alten Scheiben greifen, junge Hörer könnten durch diese Band Geschmack an den alten Scheiben bekommen.

 

Alexander Möckl

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