Unüberhörbar irisch

Simon McBride – Crossing The Line (VÖ: 05.10.2012)

Ich mag es, wenn ein Album-Titel nicht einem der Song-Titel entspricht, sondern ein eigenständiges Statement ist. So sagt uns „Crossing the Line“ doch gleich eine ganze Menge über McBrides’ Ansinnen: Hier soll eine imaginäre Grenze überschritten werden und zwar die, die den Blues vom Rock trennt. Wer das kann, begibt sich in ein musikalisches Land der Freiheit. Heikel zumeist, denn nicht jeder möchte dort sein, aber großartig, wenn es so gekonnt zelebriert wird wie hier!

Simon ist unüberhörbar Ire und unüberhörbar sind auch seine Vorbilder: Rory Gallagher und Gary Moore. Nichts ist schlecht an Vorbildern, besonders dann, wenn es solche Legenden sind. Dennoch braucht es auch ein Quäntchen Eigenanteil, um bestehen zu können. Simon hat mehr als nur eine „Schippe oben ‘drauf“ zu bieten. Seine musikalischen Wurzeln liegen im Metall-Rock. Schon als Jugendlicher wurde er als Top-Gitarrist anerkannt („Young Guitarist of the Year“ mit 15!) und weltweite Tourneen mit seinen früheren Bands haben ihn geschult. Seit drei Alben ist er nun als Frontmann und Schreiber seiner eigenen Songs unterwegs. Und in diese fließen all seine Erfahrungen hinein.

Riff-Rock wechselt mit Soli-Kapriolen, 70er Retro-Feeling trifft auf feinsinnige CrossOver-Passagen und auch der akustisch gespielte Lagerfeuersong fehlt nicht („A rock and a storm“). Aus jedem Song hört man sein technisches Können heraus. Großartig gespielte Intros machen immer neugierig auf das, was kommen will. Und nie wird man enttäuscht. Simons’ Songwriting ist sicher und überzeugend. Immer nachvollziehbar und vielleicht manchmal einen Tick zu theatralisch, aber nie kitschig. Er hat ein gutes Ohr für schöne Harmoniewechsel, gelungene Gitarrenpassagen, die wie eine Antwort auf das zuvor Gesungene wirken und einen feinen Sinn für Outros.

Die Songs sind in ihrer Art sehr abwechslungsreich, verlieren aber nie an Druck, auch wenn er mal den Fuß vom Gaspedal nimmt. Sein Spiel und sein Gesang fügen sich wundervoll in den Bandkontext ein. Dabei bleibt er als Macher immer präsent, weiß aber ganz genau um die Qualitäten seiner Mitstreiter. Sie verschaffen ihm genau den Freiraum, um sprichwörtlich den Ton angeben zu können, aber bieten ihm genau das Fundament, ohne das diese Platte nicht funktionieren würde. Rhythmisch ausgefuchste Drum-Passagen, solider Bass-Background und eine alles umschmeichelnde Orgel ergeben ein tolles Gemisch an Emotionen. Simons’ raue und beherrschende Stimme kennt alle Facetten der Sangeskunst. Besonders die „Singen mit den Gitarrennoten“-Passgen sind sehr beeindruckend. Eine Kunst, die er mit seinen Vorbildern teilt. Gekonnt auch der dezent auftretende Background-Chor. Immer an der richtigen Stelle und besonders schön in den ruhigen Sequenzen („Down to the wire“).

Eine Platte also, die Laune macht, weil sie ohne viel Tamtam auskommt, auf solides Handwerk setzt und sich jeglichen synthetischen Schnickschnack spart.
Super toll aufgenommen mit leichtem 80er-Charme, klar und direkt produziert.
Eine Platte auch, die man gerne wieder auf Play setzt und wie in meinem Falle auch auf Dauerplay!

 

Alexander Möckl