Zurück in die 30er Jahre

Diana Krall - Glad Rog Doll (VÖ: 28.09.2012)

Im 3/4-Takt zurück in die 30er, aber ganz langsam!
Hier ist es also, das allenorts hochgelobte neue Album der Jazz-Diva, die bekanntermaßen die Nacht mehr liebt, als den Tag.
Die Kritiken sind sich alle einig: das hier ist das mit Abstand beste Album, das sie je veröffentlicht hat. Und gleich vorweg: Sie haben alle recht! Daher will ich mir eine Wiederholung all der Lobeshymnen auf die Songauswahl, die Leistung des Produzenten T-Bone Burnett und die glückliche Wahl der Musiker sparen.
Vielmehr interessiert mich heute, warum sich dieses Cover-Album so enorm von so vielen mißglückten Versuchen gleicher Ausrichtung unterscheidet und tiefer in die Materie einsteigen. Diana Krall ist bekannt dafür, ihre Alben unter ein Motto zu stellen. Dieses Mal sind es die 20er und 30er Jahre. Aber es geht eben nicht nur um eine glückliche Songauswahl, sondern um eine Geschichte, die durch Songs erzählt werden soll: Die Geschichte des Varieté jener Zeit und deren Akteure.

Musik wurde damals eben an solchen Orten gehört. Clubs würde man heute dazu sagen. Doch diese Clubs waren mehr als „nur“ eine Kneipe mit Live-Musik. Es waren Treffpunkte für Menschen aller Schichten. Es gab alles zu Kaufen: Schnaps, Bier, Frauen und Unterhaltung. Dianas’ Sicht auf dieses Szenario ist doppeldeutig, wie auch ihre Aufmachung auf dem Cover: Es gibt die Zuhörer und es gibt die Akteure. Beide empfinden etwas, beide manchmal das Gleiche, aber eben auch Unterschiedliches. Was dem einen Reiz und Anmache, ist für manche Damen Belastung, aber eben auch der Job. Aus diesem Gemisch heraus entstanden damals diese Songs. Oft verbarg sich hinter den fröhlichen Melodien die Bitterkeit des Alltags, der man nicht entrinnen kann:
„You’re just a pretty little toy the boys like to play with. You’re not the kind that they choose to grow old and grey with“ (aus „Glad Rag Doll“).

Für mich ist Diana die Betrachterin und Erzählerin in einer Person. Somit wird dieses Album zum Soundtrack eines Theaterstücks, das die Geschichte der „Glad Rag Doll“ erzählt. Und das ist das tiefe Geheimnis dieser Platte.
Hier macht alles Sinn, hier ergibt ein Song den nächsten. Hier finden wir die Höhen und Tiefen des Lebens und können uns doch ganz einfach in die Rolle des Betrachters, des Unbeteiligten zurückziehen. Wir können applaudieren, aufstehen und nach Hause gehen.
Wir können aber auch berührt sein: „If you are rich, if you are poor. It’s all the same, I’m shure, when the curtains comes down“ Mit diesen Worten entlässt uns die große, nachdenkliche Diana Krall aus ihrem Theaterstück, das so klug und einfühlsam choreographiert ist. Musikalisch traumhaft inszeniert, gesanglich atemberaubend zurückhaltend dargeboten und als Gesamtkunstwerk zu bezeichnen ist! Ein Erlebnis auf allen Ebenen. Kein Fast-Food-Remake alter Klassiker, sondern eine Homage an die großen Songschreiber jener Zeit: Chapeau und sehr tiefe Verneigung!

 

Alexander Möckl